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Johann Kalmsteiner 1845 - 1897 Marmorfigur einer Kore Weißer Marmor Höhe mit Sockel 200 cm Am Sockel signiert & datiert Wien 1894 Finger beider Hände fachgerecht restauriert Johann Kalmsteiner war ein österreichischer Bildhauer der Wiener Ringstraßenzeit, dessen Werk zwischen akademischem Klassizismus und dem Historismus des späten 19. Jahrhunderts steht. Nach seiner Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste in Wien arbeitete er zunächst mit bedeutenden Meistern wie Carl Kundmann und Edmund von Hellmer zusammen, bevor er eine eigene künstlerische Handschrift entwickelte. Kalmsteiner bevorzugte Marmor und Alabaster und widmete sich insbesondere idealisierten Frauenfiguren, Allegorien und mythologischen Gestalten. Seine Arbeiten zeichnen sich durch außerordentliche technische Präzision, ein sicheres Gespür für Proportionen und ein fein abgestimmtes Gleichgewicht zwischen idealisierender Strenge und sinnlicher Lebendigkeit aus. Seit der Antike verkörpert die Kore – die Darstellung einer jungen, bekleideten Frau – Vorstellungen weiblicher Anmut, Reinheit und kultischer Würde. In der griechischen Kunst des 6. Jahrhunderts v. Chr. diente sie als Weihgabe oder Grabfigur und konnte Göttinnen, Priesterinnen oder vornehme junge Frauen darstellen. Ihre Haltung, der symmetrische Aufbau und das charakteristische, geheimnisvolle Lächeln verliehen der Kore eine zeitlose Ausstrahlung. Im Zuge der erneuten Hinwendung zur Antike gewann dieser Figurentypus in der europäischen Kunst des 19. Jahrhunderts neue Beliebtheit. Künstler wie Kalmsteiner griffen ihn auf, um das klassische Schönheitsideal mit dem ästhetischen Empfinden ihrer Zeit zu verbinden. Die hier vorgestellte, am Sockel signierte und mit Wien 1894 datierte Marmorfigur einer Kore steht beispielhaft für diese Verbindung von Antike und Moderne. In der späten Ringstraßenzeit war Wien von einer Vorliebe für antike Themen und technisch virtuose Ausführung geprägt. Kalmsteiners Arbeit fügt sich in diesen Zusammenhang ein, zeigt zugleich jedoch subtile Züge der Individualisierung und eine beinahe malerische Behandlung der Oberfläche, wie sie für das Fin de Siècle charakteristisch ist. Die Figur zeigt eine aufrecht stehende junge Frau in einem reich gefältelten Peplos, einem typisch antiken Gewand. An Armen und Hüften ist der Stoff kunstvoll aufgebauscht, während er an anderen Stellen in weichen, körpernahen Falten herabfällt. Dieser an den sogenannten nassen Stil erinnernde Effekt lässt die Körperformen sanft unter dem Gewand hervortreten. Die mit Sandalen bekleideten Füße schauen unter dem langen Gewand hervor. Das leicht vorgestellte rechte Bein zeichnet sich deutlich unter dem Stoff ab und verleiht der Figur Dynamik. Das Obergewand ist über die rechte Armbeuge drapiert und bildet dort eine virtuos ausgearbeitete, tief modellierte Falte. Die linke Hand weist leicht zur Seite – möglicherweise ein Hinweis auf eine ursprünglich paarweise oder flankierende Aufstellung, etwa neben einem Eingang, wo die Figur den Eintretenden den Weg hätte weisen können. Unter dem linken Arm fällt der Stoff in reichen, tiefen Falten bis zum Knie herab. Bemerkenswert ist Kalmsteiners behutsame Aktualisierung des antiken Typus: Über dem Peplos scheint die junge Frau ein eng anliegendes Mieder oder Korsett zu tragen. Dieses an die Mode der 1890er-Jahre erinnernde Element lässt die Figur zugleich klassisch und zeitgenössisch erscheinen. Ein geflochtenes Band umschließt ihren Kopf, darunter fallen lange, sorgfältig ausgearbeitete Locken herab. Das idealisierte Gesicht mit sanftem Lächeln und leicht nach rechts gewandtem Blick verleiht der Komposition eine zurückhaltende Asymmetrie und Lebendigkeit. Die Kore nimmt innerhalb von Johann Kalmsteiners Œuvre eine wichtige Stellung ein: Sie veranschaulicht seine meisterhafte Beherrschung des Marmors und seine Fähigkeit, antike Formen in die Bildsprache seiner Zeit zu übertragen. Im Vergleich zu seinen allegorischen oder religiösen Figuren ist das Werk weniger erzählerisch angelegt und erscheint vielmehr als Hommage an die reine Form und das Schönheitsideal selbst. Es verbindet akademische Vollendung und technische Virtuosität mit jener stillen, verfeinerten Melancholie, die zahlreiche Werke der Wiener Kunst um 1900 prägt.
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