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Neapolitanische Krippenfigur 19. Jahrhundert Orientalischer Reiter Terrakotta Polychrom gefasst, Glasaugen und Textilkleidung Pferd Terrakotta Länge 48 cm, Höhe 49 cm Die neapolitanische Weihnachtskrippe (il presepe napoletano) ist ein barockes Gesamtkunstwerk, das seine Blütezeit im Neapel des 18. Jahrhunderts erlebte. Unter der Herrschaft von König Karl III. investierten Adel und Bürgertum in prachtvolle Miniaturwelten, deren Herzstück bis heute die faszinierenden Krippenfiguren bilden. Diese zeichnen sich durch drei wesentliche Eigenschaften aus: eine einzigartige Materialkombination, dramatische Ausdruckskraft und die bewusste Verschmelzung von Sakralem und Profanem. Das prägendste Merkmal ist die meisterhafte Bauweise aus verschiedenen Werkstoffen. Im Gegensatz zu alpenländischen Holzkrippen besitzen neapolitanische Figuren einen detailreichen Kopf aus Terracotta mit von innen eingesetzten Glasaugen, die ihnen einen lebendigen Blick verleihen. Hände und Füße sind fein aus Holz geschnitzt. Der Körper besteht aus einem flexiblen Skelett aus Eisendraht, das mit Flachsfasern umwickelt ist. Diese Biegsamkeit erlaubt es, die Figuren jedes Jahr in neue, dynamische Posen zu versetzen. Gekrönt wird das Handwerk durch maßgeschneiderte Kleidung aus edlen Originalstoffen des 18. Jahrhunderts wie Seide oder Samt. Ein weiteres Kernmerkmal ist der extreme Hang zu Realismus und Theatralik. Die Gesichter spiegeln tiefe Emotionen wider – von ehrfürchtigem Staunen bis hin zu schelmischem Lachen. Dabei scheuten die Künstler auch das Groteske nicht: Neben der makellosen Schönheit der Madonna stehen Figuren aus dem einfachen Volk mit Falten, Zahnlosigkeit oder Kropfbildungen, die das ungeschönte Leben der Straße abbilden. Dieser Realismus prägt auch das gigantische Figurenkabinett, das die Geburt Jesu mitten in das chaotische Treiben einer neapolitanischen Gasse versetzt. Neben Hirten bevölkern Bettler, Marktfrauen, Handwerker und Gastwirte die Szenerie, ergänzt durch minutiöses Zubehör aus Wachs wie winzige Fische, Schinken oder Pastateller. Viele Figuren tragen symbolische Bedeutungen, wie der schlafende Hirte Benino, der für die schlafende Menschheit steht. In der berühmten Gasse Via San Gregorio Armeno in Neapel wird diese Kunstform bis heute lebendig gehalten. Dass die Tradition dynamisch bleibt, zeigt die moderne Erweiterung des Sortiments: Neben klassischen Charakteren fertigen die Kunsthandwerker heute auch Tonfiguren aktueller Persönlichkeiten aus Politik und Popkultur an. Die neapolitanische Krippenfigur bleibt damit ein zeitloses Paradebeispiel für die Verschmelzung von hoher Handwerkskunst, barocker Dramatik und der Liebe zum Alltag.
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